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Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur
Geschichte, Kultur, Gesellschaft und Politik; der Charakter von Epochen, Aufstieg,
Entwicklung und Niedergang von Kulturen, gesellschaftliche Wertesysteme - all das ist
kein Produkt des Zufalls oder unergründlicher Kräfte, sondern entspringt dem
Denken der Menschen, und dies wird wiederum entscheidend bestimmt von den jeweils
zugrundeliegenden Denkvoraussetzungen, also von ihrer jeweiligen Weltsicht oder
Weltanschauung.
Die Weltanschauungsgeschichte des westlichen Kulturkreises, und wie sie Denken, Kunst,
Kultur, Gesellschaft und Lebensgefühl ganzer Epochen und Völker gestaltet hat,
von den Anfängen der christlichen Gemeinde inmitten der griechisch-römischen
Kultur des Römischen Reichs bis hin zu den philosophisch-weltanschaulichen
Überzeugungen der westlichen akademischen und kulturellen Elite des ausgehenden
20.Jahrhunderts, die schließlich zum Kern der heutigen postmodernen Gesellschaft
wurden, sowie die Rolle der biblisch-christlichen Weltanschauung in diesem gesamten
Geschehen - das ist das große The-
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ma dieses äußerst lesenswerten Buches von Francis A. Schaeffer (1912-1984),
dem mit Abstand bedeutendsten christlichen Apologeten der zweiten Hälfte des
20.Jahrhunderts.
Tour de force durch 2000 Jahre Weltanschauungsgeschichte der westlichen Kultur
In einer gewaltigen Tour de force nimmt Schaeffer in dem 1976 erstmals erschienenen Buch
den Leser mit auf eine weltanschauliche Zeitreise durch die Jahrhunderte, beginnend beim
Rom der Bürgerkriege und des aufkommenden Prinzipats, über Spätantike,
Mittelalter, Romanik und Gotik, Renaissance, Reformation, Wissenschaftsgeschichte,
Aufklärung und Revolutionen bis hin zum Existentialismus, zum schrittweisen Zerfall
der humanistischen Erkenntniswelt und dem davon ausgelösten Pessimismus und
schließlich zur Ausbildung aller Elemente des Gedankenguts, für das nur wenig
später - nämlich 1979 - Lyotard den prägenden Begriff "postmodern"
einführen sollte. Schaeffer zeigt bei dieser Zeitreise drei Linien der Entwicklung
parallel und in ihrer Wirkung aufeinander und auf die Lebenswelt auf: die philosophische,
die naturwissenschaftliche und die religiöse.
Im Zentrum der Gesamtschau steht dabei der Gedanke, daß die biblisch-christliche
Weltsicht die Wahrheit über diese Welt offenbart, weil Jesus die Wahrheit ist.
Weil der Gott der Bibel vernünftig und verläßlich ist, kann der Mensch
durch Denken und Forschen, durch Beachten der übernatürlichen Offenbarung
Gottes und seiner Offenbarung in den Werken und der Ordnung der Schöpfung wichtige
Wahrheiten über Gott und diese Welt herausfinden. Weil Gott den Menschen liebt und
nach seinem Bilde geschaffen hat, ist Wert, Würde und Personalität des Menschen
unveräußerlich. Weil Gott ein Gott der Beziehungen und der Wahrheit ist, gibt es
verläßliche Information und Kommunikation.
Davon ausgehend stellt Schaeffer die Frage, welche Charakteristika und welche
Belastungsfähigkeit Gesellschaften und Gruppen in Abhängigkeit von ihrer
Position zur biblisch-christlichen Weltsicht haben. Die frühen Christen konnten
den römischen Kaisern, dem Kaiserkult und dem gesellschaftlichen Hedonismus die Stirn
bieten, weil die Absoluta Gottes es jedem bibelorientierten Christen ermöglichen,
Charakter und Handlungen von Regimen und Gesellschaften nach einem absoluten Maßstab
zu beurteilen. Demgegenüber erwies sich die Basis der nach "Brot und
Spielen" strebenden, dekadenten und schließlich in Apathie der Bürger
versinkenden römischen Gesellschaft als nicht tragfähig.
Schaeffer beschreibt dann die Entwicklungen des Mittelalters mit dem Konsens christlicher
Grund-Denkformen, der Abwertung des Geschaffenen, der zunehmenden Verfälschung der
christlichen Lehre durch humanistische Elemente antiker Philosophen, insbesondere in
der Scholastik Thomas von Aquins, die Geburtswehen der humanistisch orientierten
Renaissance und der biblisch orientierten Reformation, wobei letztere nicht nur die
Verfälschungen in der christlichen Lehre beseitigte, sondern durch die Betonung
der Menschenwürde und die Bindung von Recht, Gesetz und Herrschaft an die Bibel
in ganz Nordeuropa zu Gesellschaften mit noch nie dagewesenen persönlichen Freiheiten
bei gleichzeitiger Stabilität führte - die Vorläfer der modernen Demokratien.
Der Versuch, diese Freiheit in den nichtreformatorischen Ländern auf rein
humanistischer Basis nachzubilden, führte zu blutigen Revolutionen, aus deren Chaos
sich langjährige diktatorische Regime (Frankreich: Napoleon; Rußland:
Lenin/Stalin) erhoben.
Schwerpunkt des Buches: Die Entwicklung von der Reformation bis zur Gegenwart
Als Raster für die weitere Zeitreise dient Schaeffer das Verhältnis in einer
Kultur zwischen dem Besonderen (z.B. den geschaffenen Wesen und Dingen dieser Welt) und
dem Allgemeinen, das dem Besonderen Sinn gibt - in der Philosophie auch als
"Universalienproblem" bekannt. Da die Bibel genau diese Frage ausreichend
beantwortet und das Allgemeine und das Besondere ins richtige Verhältnis zueinander
setzt, gibt es für den biblisch denkenden Christen kein Universalienproblem - im
Gegensatz zum Humanisten, der den Gott der Bibel aus seinem Weltsystem ausschließt.
Der Optimismus der frühen Humanisten, durch den autonomen (also von Gott
losgelösten) Verstand vom Besonderen zum Allgemeinen zu gelangen und die Welt und
den Menschen erklären und einen Sinn für sie finden zu können, schlug ab
etwa 1800 (Rousseau, Kant, Hegel, Kierkegaard) wegen der anhaltenden Erfolglosigkeit
dieser Bemühungen in einen radikalen Pessimismus um. Das Erlöschen der Hoffnung,
ein einendes Allgemeines zu finden, führte schrittweise zur völligen
Fragmentierung der Sicht auf die Realität. Als Folge entstand der Existentialismus
mit seiner radikalen Trennung zwischen dem Pessimismus der Vernunft ("unten")
und der Sinnfrage, die in den irrationalen Bereich ("oben")
verwiesen wurde, und nur das Klammern an die eigene Existenz oder
"Grenzerlebnisse" als letzten Hinweis darauf,
daß "irgendwo" ein Sinn existieren muß, verzögern noch den
endgültigen Sturz in die absolute Hoffnungs- und Sinnlosigkeit. Entsprechend wandelte
sich das Menschenbild über die Jahrhunderte vom gottesebenbildlichen Gegenüber
Gottes zur Schau vom Menschen als einer manipulierbaren elektrochemischen Maschine in
einem anonymen, kalt schweigenden Universum. In den Wissenschaften führte dies zum
psychologischen, soziologischen und biologischen Determinismus und zur Verneinung des
freien Willens.
Schaeffer stellt mehrmals treffend heraus, daß gerade die Philosophen und
Künstler, die diesen Prozeß beschleunigten, nicht selbst nach ihrer
proklamierten Philosophie leben konnten, sondern entweder von den Restbeständen des
christlichen Menschen- und Weltbildes lebten oder wahnsinnig wurden. Dennoch eroberte diese
existentialistisch inspirierte Anschauung auf dem Weg über Gelehrtenkreise, Kunst,
Literatur und schließlich die Massenkultur der Nachkriegszeit (Film, Musik, Fernsehen)
die gesamte westliche Gesellschaft und ihre Entscheidungsträger und stellte einen
nahezu monolithischen Konsens her, der die Wertebasis christlicher Herkunft
großflächig auflöste und bei den Massen oft nur die kümmerlichen
Werte "persönlicher Friede" und "Wohlstand" hinterließ.
Einmal hier angekommen, kann sich die Gesellschaft ethisch rasch in jede beliebige Richtung
verändern und mit 51%- oder 67%-Mehrheiten oder durch Eliten willkürliche
neue Absoluta setzen. Von den Hemmnissen der Vergangenheit befreit, konnte sich
in der kulturellen Elite die Fragmentierung der Sicht auf die Realität so weit
fortsetzen, daß sich sogar die Grundlagen der Wahrnehmung und des Erkennens selbst
auflösen, womit Schaeffer bereits das wesentliche Element des Postmodernismus
beschrieben hat, ohne damals diese Bezeichnung kennen zu können.
Schaeffers warnender Ausblick auf die Zukunft: Diktatur der neuen Elite
Aufbauend auf dem bisher Gesagten legt Schaeffer am Schluß des Buches
überzeugend dar, daß die biblisch-christliche Wertebasis Ausgangspunkt und
Garant der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unserer westlichen Gesellschaft ist
und mit dem Verschwinden dieser Wertebasis die Existenz dieser Grundordnung nur noch
von der Vergangenheit geborgt ist. Bereits jetzt weist unsere
Gesellschaft mit ihrer hedonistischen Prägung, dem Rückzug ins Private, dem
Ruf nach "Brot und Spielen" (Wohlstand und Unterhaltung) und der apathisch bis
sarkastischen Haltung in Verbindung mit einer nicht tragfähigen existentialistischen
bis konstruktivistischen Weltsicht erstaunliche Parallelen zum Rom der Spätantike auf,
mit anderen Worten: der Todeshauch des untergehenden Roms weht durch unsere Straßen
und Häuser.
Nach Schaeffer ist damit längst nicht der Endpunkt der Entwicklung erreicht. Eine
Gesellschaft, die keine transzendente Wertebasis hat, die Menschen als chemische Maschinen
ansieht, die den Tod des Verstandes sucht, die die Existenz objektiver Wahrheit leugnet
(was der Manipulation Tür und Tor öffnet),
in der Recht und Wissenschaft soziologisch betrieben werden, die Verfassungstexte auch
gegen die Intention der Verfasser dem Zeitgeist entsprechend neu deutet, in der per
Mehrheit neue Absoluta beschlossen werden können, befindet sich auf einer ethischen
Schleuderfahrt ins Chaos. Da aber keine Gesellschaft mit Chaos leben kann, werden die
Menschen akzeptieren, daß schrittweise eine neue technokratische Elite, die bereits
existiert, in autoritärer Weise die Steuerung in der Gesellschaft bis hin zur
manipulativen totalen Kontrolle und Entwürdigung des Menschen übernimmt.
Daß dies eine reale Gefahr ist, belegt Schaeffer mit Diskussionsthemen und
Vorschlägen einflußreicher Wissenschaftler und den von ihnen hervorgebrachten
utopischen Gesellschaftsentwürfen, wie sie z.B. in B.F.Skinners Roman "Walden
Two" sichtbar werden. Schaeffer diskutiert dann alternative Szenarien und stellt die
Frage, wann unter dem zunehmenden Druck der äußeren Umstände Menschen
bereit sind, persönliche Freiheit und Menschenwürde zu verteidigen, oder dem
Verlangen nach persönlichem Frieden und Wohlstand nachgeben und die Diktatur der
neuen Elite und ihre neuen Absoluta akzeptieren. Die diesbezüglich in der letzten
Zeit in Deutschland gemachten Umfragen lassen da nichts Gutes erahnen.
Unsere Aufgabe: Das Wächteramt des Propheten Hesekiel wahrnehmen
Schaeffer begründet mit dem Hinweis auf Hesekiel 33,1-11.19, daß bekennende
Christen ein Wächteramt von Gott für die Gesellschaft empfangen haben, in der
sie leben. Dieser Bibelstelle ist auch der Buchtitel entnommen:
"Und nun, du Menschenkind, sage dem Hause Israel: Ihr sprecht: Unsere Sünden und
Missetaten liegen auf uns, daß wir darunter vergehen; wie können wir denn
leben? So sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: ich habe kein
Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß der Gottlose umkehre von seinem Wege
und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, ihr vom
Hause Israel?" (Hesekiel 33,10-11)
Dieses Wächteramt beinhaltet für uns, daß wir unserer Gesellschaft sagen,
von welcher Art der Druck ist, der auf ihr lastet: Er ist Folge der völligen
Verbannung des Gottes der Bibel aus der gesellschaftlichen Weltsicht und Lebenswelt, die
deshalb völlig fragmentiert wurde und zur völligen inneren Zerstörung des
Lebens führte. Es beinhaltet, daß wir gerade in einer post-christlichen
säkularisierten Kultur nicht müde werden, den daraus abgeleiteten
verhängnisvollen Schlußfolgerungen zu widersprechen und sie von der
biblisch-christlichen Weltsicht her richtigzustellen, bevor sie Basis weiterer
verhängnisvoller Schritte werden. Es beinhaltet, daß wir die
biblisch-christliche Weltsicht wirklich kennenlernen und in allen Lebensbereichen ihr
gemäß zu handeln lernen. Schlüsselvoraussetzung dafür ist, daß
wir der in unserer Gesellschaft herrschenden existentialistischen Methodologie, der
Trennung der Erkenntniswelt in ein rationales Unten und ein irrationales Oben, widerstehen.
Sie ist keine notwendige Basis persönlicher Freiheit, schon gar keine biblische Lehre,
sondern Folge des Scheiterns der Humanisten, eine Lösung des Universalienproblems
in ihrem System zu finden, und stellt sogar einen Motor der inneren Zerstörung des
Lebens dar.
Kein bekennender Christ, der ernsthaft "der Stadt Bestes sucht",
der bestrebt ist, inmitten der Kultur, in der er lebt, ein am Gott der Bibel orientiertes
Denken zur Grundlage der eigenen Entscheidungen auf allen Skalen von Verantwortung zu
machen, der deshalb Einsicht in die kulturelle Wirklichkeit, in der er lebt, und ihre
geschichtlich-gesellschaftliche Herkunft wie Auswirkungen erlangen möchte, kommt
am Studium dieses Buches vorbei. Die Lektüre dieses Buches ist allerdings keine
leichte Kost, und gelegentlich ist, um die vielfältigen Argumentationslinien zu
erfassen, das mehrfache Lesen einzelner Abschnitte erforderlich. Zur geschichtlichen
Einordnung empfiehlt es sich, den dtv-Atlas Weltgeschichte griffbereit zu haben.
Zum Autor
Francis A. Schaeffer (1912-1984) war ein US-amerikanischer promovierter Theologe und
Philosoph. Nach einigen Jahren Dienst als Pastor presbyterianischer Gemeinden siedelte er
1948 mit seiner Familie in die Schweiz über und gründete dort 1955 die
L'Abri-Gemeinschaft
(L'Abri = Zuflucht), mit der er eine Stätte schuf, wo Christen und Suchende in Ruhe
über ihre persönlichen Überzeugungen durch Bibel-/Bücherstudium
und Diskussionen in einem Rahmen gemeinschaftlichen Lebens nachdenken konnten. Schaeffers
kulturapologetische Basisarbeit und sein intellektuell-publizistisches Wirken leisteten
einen wesentlichen Beitrag zur apologetischen, evangelistischen und
gesellschaftspolitischen Wirksamkeit der bekennenden Christenheit der letzten Jahrzehnte.
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| ISBN |
Verlag |
| 978-3-7751-3364-7 |
Hänssler-Verlag, Holzgerlingen Edition L'Abri |
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| Erscheinungsform: |
Taschenbuch, Softcover, 302 Seiten |
| Erscheinungsjahr: |
2000 (5. Auflage) |
| Neupreis (2007): |
EUR 10,50 |
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