Apologetik
 Allversöhnungslehre
(Christlicher Universalismus, "Apokatastasis")

Unter den Begriff "Allversöhnungslehre" fallen zunächst allgemein alle Interpretationsansätze für die Bibel, die ein natürliches Textverständnis von Bibelstellen wie Daniel 12,2; Matthäus 25,46 und Johannes 5,29 ablehnen, in denen ein doppelter Ausgang der Heilsgeschichte - ewige Gemeinschaft mit Gott für einen Teil der Menschheit, ewige Strafe und Trennung von Gott für den anderen Teil der Menschheit - bezeugt wird.

Auffälligstes Kennzeichen der Anhänger der Allversöhnungslehre ist denn auch ihre vehemente Ablehnung der Lehre von der Hölle - genauer: dem Feuersee - als Ort ewiger Strafe und Qual nach Offenbarung 14,10-11 und 20,14-15. Das Gericht Gottes am Jüngsten Tag und der Feuersee werden dementsprechend auch nicht als "endgültig richtend" und bestrafend, sondern als "neu ausrichtend" im Sinne einer Zurechtbringung, Reinigung oder Korrektur gedacht, nach deren Abschluß alle an der neuen Welt Gottes teilhaben dürfen, was in einigen Spielarten der Allversöhnungslehre sogar den Teufel und seine Engel mit einschließt.

Allversöhnung ist - sofern Gott überhaupt als existent gedacht wird und eine Eschatologie entwickelt ist - die übliche Position von nichtevangelikalen Theologen bibelkritisch-liberaler, existentialistischer oder politisch-theologischer Prägung wie beispielsweise Friedrich Schleiermacher, Karl Barth (zumindest am Rande der Allversöhnung stehend) und Jürgen Moltmann mit seiner sogenannten "Theologie der Hoffnung".

Gerade in den letzten Jahren reüssiert allversöhnerisches Gedankengut in breiterem Maße in der evangelikalen Szene durch den wachsenden Einfluß der Emergenten Bewegung (Emerging Church), die mittels einer postmodernistischen Sicht auf die Rolle von Sprache und Kultur beim Zugang zu Wahrheit und Erkenntnis jegliche exklusive und über die gegenwärtige Weltzeit hinausweisende Heilssicht zu "dekonstruieren" sucht und sich stattdessen stark an die eben genannten Theologen Barth und insbesondere Moltmann anlehnt. Auf die speziell mit der Emergenten Bewegung zusammenhängenden Erscheinungen soll jedoch an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, hierzu verweise ich auf die Beiträge und Postings zum Thema Emergente Bewegung.

 Allversöhnung in der Kirchengeschichte
Die Allversöhnungslehre gehört zu den Häresien der Alten Kirche, ist aber nicht so alt wie die Gnosis, mit der die Gemeinde bereits zu neutestamentlicher Zeit konfrontiert war (1.Timotheus 6,20). Gelehrt wurde die Allversöhnung erstmals nachweisbar um und nach 200 im ägyptischen Alexandria von Clemens von Alexandria und seinem Schüler Origenes, u.a. mit der von die Bibel nicht gedeckten Begründung, daß "Rache (Vergeltung) [...] etwas [sei], was nicht zu Gottes Wesen passe" (siehe hierzu Römer 12,19; 2.Thess. 1,6.8; Offenbarung 6,10), sowie mit der Deutung von Apostelgeschichte 3,21 als "Wiederbringung aller Menschen", obwohl Petrus mit der αποκαταστασις παντων (apokatastasis panton, gr.: "Wiederbringung aller Dinge", nämlich von allem, was Gott durch die Propheten verkündet hatte) eindeutig nicht von der Wiederbringung aller Seelen zu Gott sprach, sondern davon, daß im Zusammenhang mit der Wiederkunft Jesu die noch ausstehenden alttestamentlichen Prophetien - insbesondere vom Friedensreich - zur Erfüllung gelangen werden. Trotzdem hat sich der Begriff "Apokatastasis (panton)"*) zu einer Art Eigenbezeichnung der Allversöhner für ihre Lehre entwickelt.

Nachdem es jahrhundertelang ruhig um diese Lehre wurde, lebte die Origenes'sche Apokatastasis vor allem durch Verbreitung einer entsprechenden "Vision" und einer dadurch inspirierten Bibelauslegung der Jacob-Böhme-Anhängerin Jane Leade (1623-1704) mittels ihrer "Philadelphischen Gemeinschaften" als "Ewiges Evangelium" wieder auf und stieß im Pietismus, besonders später in Württemberg, auf starke Resonanz. Die "eigentliche", als geschlossenes theologisches System ausgeformte dogmatische Allversöhnungslehre der Neuzeit hat denn auch ihre Wurzeln hauptsächlich im württembergischen Pietismus des 18.Jahrhunderts, wo wichtige Väter der pietistischen Bewegung wie Friedrich Christoph Oetinger und Johann Michael Hahn die Allversöhnung lehrten. Durch den 1741 nach Pennsylvania ausgewanderten George de Benneville gelangte die Allversöhnungslehre auch in die USA.

Die allversöhnerische Variante des württembergischen Pietismus fand ihre Fortsetzung im Wirken von Johann Heinrich Jung-Stilling, Jakob Lorber sowie Blumhardt Vater und Sohn. Als Nachwirkung hiervon ist die Zustimmung zur Allversöhnungslehre in der evangelikalen Szene in Baden-Württemberg, die historisch besonders vom Pietismus geprägt ist, bis heute spürbar höher als andernorts. Internen Schätzungen zufolge neigen heute möglicherweise bis zu einem Drittel aller pietistisch Geprägten der Allversöhnungslehre zu.

Die heute vorherrschende dispensationalistische Variante der dogmatischen Allversöhnungslehre geht auf zwei ehemalige Plymouth-Brüder aus dem 19.Jahrhundert zurück, die sich der Allversöhnungslehre zugewandt haben, nämlich den britischen Theologen Andrew Jukes (1815-1901), der mit seinen Schriften den ab 1869 30 Jahre in den USA lebenden späteren Theologieprofessor Ernst F. Ströter (1846-1922) beeinflußte, und den mit Ströter befreundeten US-Amerikaner Adolph Ernst Knoch (1874-1965), der aus "Unzufriedenheit" mit den bisherigen Bibelübersetzungen 1903-1910 die "konkordante" Übersetzungsmethode erfand und entwickelte. Ströter machte nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1899 die dispensationalistische Allversöhnungslehre auch hierzulande bekannt und verbreitete sie fortan, wo sie in allversöhnerisch disponierten Kreisen auf fruchtbaren Boden fiel. In den 1930er-Jahren war auch Adolph Ernst Knoch vorübergehend in Deutschland und schuf eine deutsche konkordante Bibelübersetzung, die 1939 veröffentlicht wurde.

 "Konkordante" Übersetzungsmethode und Äonenlehre
Mit dem Prinzip der "konkordanten Methode", nämlich daß jedes Wort des griechischen (oder hebräischen) Grundtextes möglichst an allen Vorkommen durch ein- und dasselbe Wort der Zielsprache übersetzt werden soll, ja daß sogar die sich vom selben Wortstamm in der Ausgangssprache ableitenden Wörter auch in der Zielsprache vom selben Wortstamm abgeleitet werden sollen (was häufig nur durch Schaffung neuer Wörter möglich ist), konnte einer der Hauptstolpersteine der Allversöhnungslehre, nämlich der in der Bibel bezeugte doppelte Ausgang der Heilsgeschichte mit ewiger Strafe für die Verlorenen, durch die einheitliche Wiedergabe der u.a. in diesen Passagen verwendeten griechischen Wörter αιων (aion, gr.: "Weltzeit, Zeitalter, Ewigkeit") und αιωνιος (aionios) mit "Äon" und "äonisch" sowie der Behauptung, daß diese Wörter stets eine begrenzte Zeitspanne und niemals "Ewigkeit" bedeuten, scheinbar elegant umschifft werden. Zusammen mit dem dispensationalistischen Ansatz führte dies zur Entwicklung einer ausgefeilten "Haushaltungen- und Äonenlehre", die beispielsweise Zeichen und Wunder einer bereits abgeschlossenen "Haushaltung" zuweist und damit die streng anticharismatische Ausrichtung der dispensationalistischen Allversöhner erklärt. Die Interpretation von "Äon" und "äonisch" wird nun strikt dieser Äonenlehre untergeordnet, so daß eine "äonische" Strafe nur einen "Äon" lang währen kann.

Dieser Ansatz führt zu zahlreichen seltsamen und inkonsistenten Ergebnissen, die zeigen, daß er der Gesamtbotschaft der Bibel nicht gerecht wird. So heißt es in 1.Timotheus 1,17, daß Gott, dem "äonischen" (das meint natürlich "ewigen") König, Ehre und Preis εις τους αιωνας των αιωνων (eis tous aionas ton aionon, gr. wörtlich: "bis in die Äonen der Äonen") sei. Diese dem lateinischen "in saecula saeculorum" entsprechende stehende Wortfügung meint "für immer und ewig" oder "in alle Ewigkeit", was jedem Menschen mit einem Mindestmaß an Sprachgefühl sofort einsichtig sein dürfte. Mit den gleichen Worten (ohne Artikel) wird aber auch die Dauer der in Offenbarung 14,10-11 den Anbetern des Tieres angedrohten Qual bezeichnet. Die Allversöhner bestreiten nun die Bedeutung "für immer und ewig" und machen stattdessen den "Äon der Äonen" oder die "Äonen der Äonen" zum Eigennamen (!) des letzten bzw. der letzten beiden Äonen ihrer Äonenlehre, denen noch als allerletzter Zeitabschnitt die "Zeit nach den Äonen" folgen soll, in der alle mit Gott versöhnt seien. Demnach wäre Gott in 1.Timotheus 1,17 nur "Ehre und Preis bis zum vorletzten Zeitabschnitt, Amen" - man sieht sofort, wie inkonsistent und verzerrend diese Kombination aus Äonenlehre und konkordanter Übersetzungstechnik ist.

Bis heute wird die konkordante Bibelübersetzung praktisch nur in Allversöhner-Kreisen benutzt, wo sie sich natürlich großer Beliebtheit erfreut, da sie die nicht-ewige Deutung der Begriffe αιων und αιωνιος begünstigt und damit das allversöhnerische Lehrgebäude stützt. Eigens eingerichtete Kreise der "Freunde konkordanter Wortverkündigung" fungieren denn auch als Allversöhner-Hauskreise in der Diaspora.

 Die Rolle der Langensteinbacher Höhe (LAHOE) als allversöhnerisches Zentrum Deutschlands
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich schließlich das 1959 von Hartmut Maier-Gerber gegründete "Bibelkonferenzzentrum Langensteinbacher Höhe" (LAHOE) zum zentralen Anlaufpunkt der deutschen Allversöhner-Szene dispensationalistischer Prägung entwickelt. Vielen Christen ist das Werk vor allem durch die "Haustöchterschule" sowie als Erholungs- und Konferenzstätte überregional ein Begriff, und da dort auch ganz unverfängliche Konferenzen mit Beteiligung nicht-allversöhnerischer Referenten stattfinden, wissen viele Christen - vor allem in Norddeutschland - nichts von der allversöhnerischen Theologie der LAHOE. Wer sich die 1999 vom LAHOE-Gründer Hartmut Maier-Gerber formulierten Glaubensgrundsätze der LAHOE einmal aufmerksam durchliest, weiß jedoch sofort, daß er hier ein allversöhnerisches Werk vor sich hat.
*) Eine weitere Variante der Apokatastasis panton, die in der "misión integral" (Integrale Mission) gelehrt wird und mit ihr zusammen in die Emergente Bewegung eingeflossen ist, besagt, daß Jesus seine Gemeinde dazu gesandt hat, um jetzt mit ihm zusammen "alle Dinge wiederherzustellen", d.h. die Welt in Ordnung zu bringen ( Blog-Postings zum Schlagwort "Integrale Mission").

 Überblick über die Allversöhner-Szene
 Allversöhnerische Werke
LAHOE (LaHö) - Bibelkonferenzzentrum Langensteinbacher Höhe, Karlsbad-Langensteinbach bei Karlsruhe
Freunde konkordanter Wortverkündigung, Birkenfeld (Württ.) bei Pforzheim - an den Konkordanten Verlag, Pforzheim, angeschlossenes Werk, das auch Freizeiten anbietet und deutschlandweit verstreute Allversöhner-Hauskreise (Quickborn (Holstein), Berlin, Bochum/Burscheid, Braunschweig, Leipzig, Stuttgart-Bad Cannstatt, Birkenfeld (Württ.)) betreut
Gemeinde unter Gottes Wort, München
Schriftenmission Langenberg, Hamburg-Langenhorn
Tentmaker Ministries (Gary Amirault), Hermann, Missouri (USA)

 Allversöhnerische Webportale
www.come2god.de - Bedeutendstes deutsches allversöhnerisches Webportal ("Ausblicke vom Kreuz, biblisch-heilsgeschichtliche Betrachtungen", Jürgen Krafzik), umfaßt zahlreiches Lehrmaterial von der LAHOE, der "Gemeinde unter Gottes Wort" München und vom Webportal "Salvation of All"
www.allversoehnung.info - Domainweiterleitung auf www.come2god.de
www.kahal.de - weiteres deutsches allversöhnerisches Webportal (betrieben von Oliver Hechtl), enthält Predigtmaterial und Buchempfehlungen einschlägiger Allversöhner
www.salvationofall-av.org - Internationales Allversöhner-Portal
www.christianuniversalism.com - Weiteres internationales Allversöhner-Portal, das sich vor allem dadurch auszeichnet, daß Aussagen von Nichtallversöhnern (z.B. Mark Driscoll) zu Referenzen für die Allversöhnungslehre umgedeutet werden

 Sonstige allversöhnerische Websites
what-the-hell-is-hell.com - von Frank Bonkowski (Pastor der GeGo Bad Segeberg, FBGG) empfohlene Website von Tentmaker Ministries, die u.a. mit dem Hinweis auf das heute grünende und blühende Tal Hinnom (Gehenna) zeigen will, daß es keine Hölle geben kann
www.weltmanager.de - Darstellung, Rechtfertigung und Verteidigung der Allversöhnungslehre gegen Kritiker, denen Irrlehre vorgeworfen wird (Aaron Germer)
www.biblischelehre.de - umfangreiche allversöhnerisch geprägte Sammlung von Aufsätzen und Auslegungen (Dieter Landersheim), mit Schaubild zur allversöhnerischen "Äonenlehre"
www.johannes-3-16.de - Zusammenstellung allversöhnerischer Artikel diverser Websites, Worterklärungen, Buchempfehlungen von Heinz Schumacher und anderen (Henry Dan Collrep)
www.evangelicaluniversalist.com - Internationales Forum evangelikaler Allversöhner (Robin Parry (Pseudonym "Gregory MacDonald"), Thomas Talbott)

www.tjaweb.de/allversoehnung -
www.tjaweb.de/hoelle - Diverse allversöhnerische Sites eines "Tom The Builder", die zu einem großen Teil die oben genannten Websites zitieren und mit einigen von ihnen einen Webring bilden
www.christliche-allversoehnung.de.vu -
www.ewigehoelle.de.vu - URL-Weiterleitungen auf www.tjaweb.de

 Einflußreiche Vertreter der Allversöhnungslehre in der Gegenwart
Die folgende Übersicht umfaßt wichtige Persönlichkeiten, die die Allversöhnungslehre, wie sie in diesem Artikel beschrieben ist, in der christlichen Szene der Gegenwart (20./21. Jahrhundert) lehren und verbreiten (Stand 2011):

Hartmut Maier-Gerber - LAHOE-Gründer
Manfred Mössinger - LAHOE-Leiter 1983-2000, ordinierter EmK-Pastor
Andreas Schäfer - LAHOE-Leiter seit 2000, amtierender Pastor der seit 2004 bestehenden LAHOE-Gemeinde
Heinz Schumacher
Dieter Landersheim - Reiseprediger, betreut in einem umfangreichen Reisedienst die deutschlandweit verstreuten Allversöhner-Hauskreise der "Freunde konkordanter Wortverkündigung"

bereits verstorben:
Andrew Jukes († 1901) - englischer Theologe, Urheber der dispensationalistischen Variante der dogmatischen Allversöhnungslehre, ehemaliger Plymouth-Bruder
Ernst F. Ströter († 1922) - Theologe, machte die dispensationalistische Variante der dogmatischen Allversöhnungslehre in Deutschland bekannt, mit Adolph Ernst Knoch befreundet
Karl Geyer († 1955)
Adolph Ernst Knoch († 1965) - Erfinder der konkordanten Bibelübersetzungsmethode, ehemaliger Plymouth-Bruder, mit Ernst F. Ströter befreundet
Wilhelm D. Michaelis († 1965) - Theologe
Heinrich Langenberg († 1972)
Adolf Heller († 1973)
Erich Lubahn († 2005), LAHOE-Leiter 1971(?)-1983(?), ordinierter EmK-Pastor

 Allversöhnerische Verlage
Basisfakten-Verlag, Karlsbad-Langensteinbach
Konkordanter Verlag, Pforzheim
Concordant Publishing Concern, Santa Clarita, Kalifornien (USA) - Mutterverlag des deutschen Konkordanten Verlags
Paulus-Verlag KG Karl Geyer, Heilbronn
Philemon-Verlag e.K., Mülheim (Ruhr)

 "Konkordante" (allversöhnerische) Bibelübersetzungen
Konkordantes Neues Testament (Adolph Ernst Knoch)
Konkordantes Altes Testament (unvollständig)
DaBhar-Übersetzung (Fritz H. Baader, Altes Testament)

 Allversöhnerische Periodika
"Unausforschlicher Reichtum" (UR), ursprünglich engl. "Unsearchable Riches", erscheint zweimonatlich im Konkordanten Verlag, Pforzheim

 Weitere Beiträge zu diesem Thema
narjesus Blog: Alle Postings zum Schlagwort "Allversöhnung"


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