Apologetik
 Warum Christen die Objektivität des christlichen Glaubens verteidigen
Das Begriffsverständnis unserer weitgehend säkular-humanistisch orientierten Gesellschaft vom Glauben als eine Art "Märchen für Erwachsene" bzw. "für Alte" bzw. als eine die "knallharte Realität" abschirmende Scheinwirklichkeit zum Schutz oder zur Beruhigung der Seele, oder damit man weiter "funktioniert" und "das Leben weitergeht", ist dem echten christlichen Glauben zutiefst fremd.

Dieses verzerrende Verständnis dürfte seine Wurzeln in den Anfängen der europäischen Aufklärung haben, die sich zu jener Zeit als "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Immanuel Kant) definierte. Als die sah sie nicht nur die kirchliche Lehr-, Lebens- und Glaubenspraxis, sondern auch den Glauben an Jesus an sich an, den sie dafür verantwortlich machte, daß die Menschen und die Gesellschaft der damaligen Zeit ihr Schicksal nicht aktiv "in die Hand genommen" hätten und ungerechte Herrschaftssysteme so lange bestehen bleiben konnten, der sich nun aber der "Kritik der reinen Vernunft" unterzuordnen habe und der menschlichen Vernunft unterlegen sei. Sie bekam in dieser Sicht den Status der eigentlichen Anwältin der Wahrheit, in deren Lichte der christliche Glaube mit seinen Aussagen und Behauptungen, die einer an die Erfahrungswelt der ohne Gott lebenden Menschen gebundenen Vernunft zuwiderlaufen (1.Korinther 1,18-25), als Fabel, Märchen oder Lüge erschien.

So konnte schließlich ein Karl Marx den christlichen Glauben als "Religion, die Opium für das Volk ist" charakterisieren und damit Gehör finden, und so konnte ein "kluger" Redner um 1925 in den jungen Jahren von Pastor Wilhelm Busch auf einer Veranstaltung im Ruhrgebiet sagen, daß der Glaube "für alte Leute ja ganz gut ist", nachdem er zwei Stunden lang "bewiesen" hatte, daß es keinen Gott gäbe, und damit Jubel bei der großen Mehrheit seiner Zuhörer ausgelöst hatte (Wilhelm Busch, Jesus unser Schicksal, S.234).

Welche Rolle das Primat der Aufklärung dem biblischen christlichen Glauben zuweist

So wuchs in breiten gesellschaftlichen Schichten die Überzeugung, daß biblischer Glaube an Jesus ein erhebliches Maß an Nichtgebrauch des eigenen Verstandes, die Existenz von Denkverboten oder die Pflicht zum Fürwahrhalten "erwiesenermaßen falscher" Behauptungen impliziere, und es entstand ein Zerrbild vom biblischen christlichen Glauben als "Märchen für Erwachsene / für Alte", dem bestenfalls noch eine Funktion für die private Psychohygiene in seelischen Notsituationen zugebilligt wird. So trifft man in der Breite der aufgeklärten Gesellschaft heute vielfach auf folgende Weltsicht, die die "öffentliche" Welt der "Realität" (im Sinne der Aufklärung) und eine privat zugestandene "Scheinwelt des Glaubens" voneinander unterscheidet und einander gegenüberstellt:

"Welt des Glaubens"
aus Sicht der Aufklärung
"Welt der eigentlichen Realität"
aus Sicht der Aufklärung
Aussagen, um den Menschen "psychisch ruhigzustellen" und ihm "Perspektive zu geben", damit "das Leben weitergeht" (= damit er weiter "funktioniert", "Krisenintervention", "private Psychohygiene")

etwa von der Art, wie wenn Verwandte einem Kind erzählen: "Papa ist auf eine sehr weite Reise gegangen", statt zu sagen, daß der Vater gestorben ist
"harte", "eigentliche" Realität
"Opa ist im Himmel", verschiedenste Abwandlungen der Auferstehungshoffnung "Mit dem Tod ist alles aus", verwesender Leichnam ist alles, was übrigbleibt
"Gott hat Dich geschaffen" "Du bist ein zufälliges Produkt der Evolution"

Mit allem, was sich innerhalb dieses Deute-Rahmens bewegt und diesen tabellarisch dargestellten Dualismus zwischen einer sog. (Schein-)"Welt des Glaubens" und einer "Welt der eigentlichen Realität" stützt, hat die säkular-humanistische Gesellschaft kein Problem, und wenn gesagt wird, daß Glaube und "moderne" (aufklärerische) Weltsicht miteinander vereinbar seien, dann ist u.a. dieser Glaubensbegriff gemeint. Wer hingegen den echten christlichen Glauben lebt, der dieses Bild zerstört, sieht sich jedoch sehr rasch mit "Fundamentalismus"-Vorwürfen konfrontiert.

Christlicher Glaube beansprucht, objektivierbare und historisch belegbare Wahrheit zu sein

Jeder, der sich ernsthaft mit dem Evangelium von Jesus auseinandersetzt, merkt rasch, daß sich der echte christliche Glaube in keinster Weise mit dem soeben skizzierten säkular-humanistischen Glaubensbegriff zur Deckung bringen läßt. Er beansprucht vielmehr, objektivierbare und historisch belegbare Wahrheit und Realität zu sein.

Lukas betont zu Beginn seines zweibändigen Werks gegenüber seinem Freund Theophilus, daß er "alles von Anfang an sorgfältig erkundet" (Lukas 1,3) und nicht etwa eine halbwahre oder phantastische Geschichte niedergeschrieben hat.

Petrus stellte ausdrücklich fest, daß sie hinsichtlich des Evangeliums von Jesus gerade "nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt" sind (2.Petrus 1,16), sondern es auf objektiven Fakten basiert.

Die Juden auf der Insel Beröa, denen Paulus auf seiner Reise von Thessalonich nach Athen erstmals das Evangelium von Jesus bekanntmachte, hingen ihren Verstand nicht an den Nagel, sondern "forschten täglich in der Schrift, ob sich's so verhielte" (Apostelgeschichte 17,11). Später schrieb Paulus der Gemeinde in Korinth:

"Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren. Hoffen wir alleine in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. (1.Korinther 15,13-20)

Klarer kann man es nicht ausdrücken, daß der gesamte christliche Glaube mit der objektiven Geschichtlichkeit und Tatsächlichkeit der Auferstehung Jesu Christi steht und fällt. Wenn also Rudolf Bultmann, Eugen Drewermann und Gerd Lüdemann recht hätten mit ihrer Behauptung, daß Jesus in Wirklichkeit niemals auferstanden, sondern im Tod geblieben sei und für das Grab Jesu "das gleiche gelte wie für jedes andere Grab auch" - und unter dem Terminus "Auferstehung" lediglich zu verstehen sei, daß "die Sache Jesu weitergehe" oder Jesus "in die Verkündigung (in das Kerygma) hinein auferstanden" sei -, dann wäre Jesus nicht Sieger (1.Korinther 15,57), dann wäre der christliche Glaube sofort hinfällig, null und nichtig und hätte augenblicklich jegliche Existenzberechtigung verloren.

Ein Glaube, der nicht objektiv wahr ist und nicht zur Realität des Lebens in Beziehung gesetzt werden kann oder darf und der sich in "heilenden Bildern" als "Balsam für die Seele" erschöpft, ist nach dem biblischen Zeugnis völlig wertlos und nicht eine Sekunde der Beschäftigung wert; denn was nicht objektiv wahr ist, vermag auch keinen dauerhaften Halt, keine dauerhafte Hoffnung und keine dauerhafte Orientierung zu geben. Es würde die unbändige Durchschlagkraft des echten christlichen Glaubens fehlen, die uns zu Überwindern in Jesus macht und Unabhängigkeit von Menschen und Mächten des Systems "Welt" gibt - oder: was nützte uns ein Sieg, den es nicht gäbe? Es wäre unsinnig und würde sich auch nicht lohnen, den Glauben an Jesus um etwaiger hoher moralischer Standards und Ideale willen in Teilen aufrechtzuerhalten oder zu retten, wenn er nicht wirklich wahr wäre. Wenn er nicht objektiv wahr ist, dann "laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot" (1.Korinther 15,32) - dann hätten diejenigen recht, die in jener oben erwähnten Versammlung in den "Goldenen 20ern" riefen: "Hurra! Es gibt keinen Gott! Wir können tun, was wir wollen!"

Wenn Christen auf die Verteidigung bestimmter Grundwahrheiten des christlichen Glaubens verzichten

So stimmt vor diesem Hintergrund die Tatsache sehr nachdenklich, daß es auch unter denen, die sich zu den bekennenden Christen rechnen, nicht wenige gibt, die unter dem Druck ihres persönlichen, beruflichen oder gesellschaftlichen Umfelds bereit sind, bestimmte Teilwahrheiten des Glaubens an Jesus, an denen der Gegensatz zwischem echtem christlichen Glauben und säkularem Humanismus besonders deutlich wird, nicht zu verteidigen, sondern als weniger wichtig anzusehen und diesbezüglich Kompromisse mit dem Humanismus zu schließen bzw. dessen Sichtweise ganz zu übernehmen, um geringeren Druck ausgesetzt zu sein, um so wie die anderen leben zu können, oder weil man denkt, auf diese Weise den christlichen Glauben annehmbarer für Außenstehende machen zu können. Das prominenteste Beispiel hierfür ist die sogenannte "theistische Evolutionslehre", auf die an anderer Stelle noch gesondert einzugehen wäre. Die Aufgabe, aber auch bereits die Geringschätzung oder das Gegeneinanderausspielen bestimmter Schlüsselwahrheiten hat jedoch drastische Konsequenzen für das Gottesbild und die Qualität des gesamten persönlichen Glaubens an Jesus, wie die folgende Tabelle zeigt:

Mit diesen Schlüsselwahrheiten... ...stehen und fallen folgende Aussagen
Gott ist persönlicher Schöpfer, schuf nicht durch Evolution
  • Lehre von einem "guten" Gott (Tod und Selektion sind Folge des Sündenfalls, keine Prinzipien Gottes)
  • Der leibliche Tod ist "der Sünde Sold", nicht unabdingbare Grundlage neuen Lebens
  • Lehre von der Menschenwürde
  • Lehre von der Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber Gott
  • Lehre vom Sündenfall und der Sündhaftigkeit des Menschen
  • Lehre vom Eigentumsrecht Gottes an der gesamten Schöpfung; die Schöpfung ist nicht frei verfügbar

Jungfrauengeburt Jesu, Empfängnis durch den Heiligen Geist
  • Lehre von der Gottessohnschaft Jesu und seiner Präexistenz vor aller Schöpfung
  • Lehre von der Sündlosigkeit Jesu
  • Jesus ist mehr als ein Mensch

Persönliche und allgemein sichtbare Wiederkunft Jesu in Macht und Herrlichkeit
  • Messias-/Menschensohn-Eigenschaft Jesu
  • Lehre von der finalen Gerechtigkeit Gottes
  • Hoffnung und Belohnung der Getreuen
  • Gut und Böse sind nicht Kehrseiten ein- und derselben Medaille; das Böse ist nicht unvermeidlicher Begleiter des Guten, da es einmal ein Reich des Guten ohne das Böse geben wird
  • Nicht die Weiterentwicklung der Menschheit, sondern die triumphale Rückkehr Jesu wird dem Bösen ein Ende setzen


Es ist deshalb auch keine Überraschung und kein Zufall, daß diese Schlüsselwahrheiten in allen wichtigen ausformulierten christlichen Glaubensbekenntnissen bekräftigt werden.

Viele Regime und Gesellschaftssysteme dieser Welt haben allen Grund, die unbändige Kraft des echten christlichen Glaubens zu fürchten. Sie verfolgen daher u.a. die Strategie, diese Kraft zu brechen durch den Versuch, das Lehren einiger entscheidender Schlüsselwahrheiten zu verbieten, aber einen entsprechend modifizierten "christlichen Glauben" zu erlauben und damit den Anschein von Glaubensfreiheit zu wahren. So war es in der DDR beispielsweise verboten, die totale Sündhaftigkeit des Menschen oder die Wiederkunft Jesu in Macht und Herrlichkeit zu lehren (wobei als Grund für das Verbot hier noch hinzukommt, daß beide Lehraussagen im klaren Widerspruch zu Grundaussagen der marxistisch-leninistischen Lehre stehen). Ein weiteres Beispiel: Die Führung der Volksrepublik China versucht, mit Hilfe der sog. "Drei-Selbst-Bewegung" einen modifizierten "christlichen Glauben", der das Primat des Kommunismus anerkennt, zu fördern, während sie die im echten christlichen Glauben stehende Haus- und Untergrundkirchenbewegung massiv verfolgt.

Nach ähnlichem Prinzip unterstützt der säkulare Humanismus einen "aufgeklärten christlichen Glauben", der sämtliche Schlüsselwahrheiten als "rein symbolische Aussagen" uminterpretiert, sich dabei auf das Herausstellen einiger ethisch-moralischer Prinzipien, psychische Betreuung und soziales Engagement beschränkt und damit nur noch ein Humanismus mit christlichen Begriffsetiketten ist.

Die dargestellten Zusammenhänge und Beispiele zeigen deutlich, daß die Verteidigung der Objektivität des Glaubens an Jesus einschließlich sämtlicher Schlüsselwahrheiten nicht Wortklauberei oder Dogmatismus, sondern absolut notwendig und von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.

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